Als die Verkäufe schier schwindelnde Höhen erklommen und sich auf diesem Niveau hielten, wurde das Schatzamt auf diese neue Amazone aufmerksam. Zuerst erhielt sie hektographierte Anerkennungsschreiben, dann aber an sie persönlich gerichtete, vom Staatssekretär des Schatzamts, und zwar keineswegs mittels Gummistempel, sondern mit der Hand unterzeichnete Briefe. Wir waren sehr stolz darauf, aber viel stolzer waren wir noch, als dann Prämien einzutreffen begannen: ein deutscher Helm (der zu klein war, als daß ihn einer von uns aufsetzen konnte), ein Bajonett, ein auf einem Untersatz aus Ebenholz montierter gezackter Granatsplitter. Da wir noch nicht für Kriegsdienst mit einer andern Waffe als dem Holzgewehr, mit dem wir Soldaten spielten, in Frage kamen, führten wir uns durch den Heldenkampf, den unsere Mutter führte, gewissermaßen entlastet. Und schließlich übertraf sie sich selbst, ja, sie überbot alles, was in unserem Landesteil in dieser Beziehung geleistet wurde. Ihren bisher schon fabelhaften Rekord vervierfachte sie, und es wurde ihr daher der stolzeste Ehrenpreis zugesprochen, den es überhaupt gab: ein Flug in einem Militärflugzeug.


O Gott, waren wir Kinde stolz! Die Auszeichnung, der Ruhmesglanz, der doch nur nebenbei auch auf uns viel, war kaum zu bewältigen. Meine arme Mutter aber - ja, es muß leider gesagt werden, daß es gewisse Dinge auf der Welt gab, an deren Existenzmöglichkeit meine Mutter, allen Gegenbeweisen unbedingten Vorhandenseins zum Trotz, einfach nicht glaubte. Erstens: Ein schlechter Hamilton, und zweitens: das Flugzeug. Daß sie diese beiden Dinge schon gesehen hatte, verstärkte ihren Glauben daran um kein Haar.


Was sie angesichts dessen empfand, das habe ich mir vorzustellen versucht. Ihre Seele muss von einem Schauer des Entsetzens erfüllt gewesen sein, denn wie kann man in etwas fliegen, das es gar nicht gibt? Als Strafe wäre dieser Flug ebenso grausam wie ausgefallen gewesen, aber es war ja ein Preis, ein Geschenk, eine Ehre, eine Auszeichnung. Wenn sie uns in die Augen sah, mußte sie darin die strahlende Verehrung erkannt und verstanden haben, daß sie in einer Falle saß. Den Flug nicht anzutreten, das hätte geheißen, ihre Familie zu enttäuschen und zu verraten. Sie war umzingelt, es gabe keinen ehrenhaften Ausweg als den Tod. Als sie sich einmal dazu entschlossen hatte, das nicht vorhandene Ding zu besteigen, schien sie jede Hoffnung aufgegeben zu haben, mit dem Leben davonzukommen.


Olive machte ihr Testament; sie verbrachte viele Stunden damit und ließ es dann nachprüfen, um die Sicherheit zu haben, daß es rechtskräftig sei. Dann schloß sie das Rosenholzkästchen auf, in dem die Briefe lagen, die ihr Mann ihr während der Brautzeit geschrieben hatte. Daß er ihr Gedichte geschickt hatte, war uns nicht bekannt gewesen; aber es war der Fall. Sie zündete ein Feuer im Kamin an und verbrannte jeden Brief, einen nach dem anderen. Die Briefe waren ihr Eigentum, und kein anderer Sterblicher sollte einen Blick hineinwerfen. Dann staffierte sie sich mit vollkommen neuer Unterwäsche aus. Sie hatte ein Grauen davor, daß ihre Leiche mit geflickten oder gar löchrigen Unterröcken und Wäschestücken gefunden werden könnte. Vielleicht sah sie den verzerrten breiten Mund und die verlegenen Augen von Martin Hobbs vor sich und hatte das Gefühl, sie leiste durch ihren Tod etwas wie Schadenersatz für das ihm entrissene Leben. Sie verhielt sich sehr lieb zu uns und übersah einen schlecht gewaschenen Teller, der auf dem Tischtuch einen Flecken hinterließ.